In den Bergen
Ich liebe die Herausforderung wenn ich sie einigermaßen einschätzen kann. Meine Kondition ist gefühlt einigermaßen gut und trotzdem hängt unser Plan wie ein Damoklesschwert über mir und bereitet mir etwas Kopfzerbrechen. Schaffen wir es wirklich, mit unserem Stufentandem Hase Pino über die Alpen zu fahren und dann noch mit Zeltgepäck! Meine Begeisterung und Zuversicht hält sich in Grenzen! Aber der Reihe nach:
Die Wetterprognosen sind gut, keine Schlechtwetterfront oder gar Gewitter sind in absehbarer Zeit im Anmarsch. Was hält uns eigentlich davon ab, die längst geplante Tour in Angriff zu nehmen.
Tag 1: Kressbronn – Ganda/ Malans (100 km, 400m Aufstieg, 250m Abfahrt)
Start ist Kressbronn, entlang des Bodensees, Bregenz, St. Margareten, mit guter Aussicht dem Rheindamm entlang, an Liechtenstein vorbei. hinauf durch die lauschigen Weinberge von Maienfeld, Jenins und Malans mit den wunderschön bemalten Häusern. Eine kurze Kaffeepause verschafft uns neuen Schub für die letzte Tagesetappe nach Ganda.






Tag 2: Ganda/ Malans – Splügen (72 km, 1360m Aufstieg, 450m Abfahrt)
Vorteile einer Zeltübernachtung ist die große Flexibilität. Deshalb geht es früh los in Richtung Chur, durchaus lohnend, teilweise hoch über dem Thein nach Thusis wo wir noch mit einem warmen Mittagessen Stärkung tanken, bevor es durch die Via Mala Schlucht geht.


Ich finde die Fahrt zu Beginn überraschend anstrengend, vielleicht dem Essen geschuldet oder den schon hohen Temperaturen. Das Ankommen in dieser gewaltigen Schlucht ist dann aber aller Mühe wert. Hunderte Meter tief hat sie der türkisblaue Hinterrhein durch die Felsen gebohrt, etliche querliegende Baumstämme sind noch Zeugen der gewaltigen Kraft.

Vorbei an Zillis, mit der sehenswerten Kirche mit den wunderschönen Holzkassettendecke erreichen wir wenige Kilometer später, Andeer. Hier tanken wir an dem Dorfbrunnen nochmals herrliches kaltes Wasser. Übrigens an fast allen schweizer Brunnen gibt es Trinkwasser (sofern nicht anders beschildert)!

Bei der anschließenden Fahrt durch die Roflaschlucht legen wir noch eine Schippe drauf, Kraft und temperaturmässig.

Nicht ganz unfroh erreichen wir am frühen Abend das wunderschöne Dorf Splügen. Es besticht mit seinen alten Holzhäusern und der immer alpiner werdenden Landschaft. Hier schlagen wir unser Zelt auf.


Tag 3: Splügen – Cadenazzo (85km, 850m Aufstieg, 2080m Abfahrt)
Mit den ersten Sonnenstrahlen klicken die Radschuhe in die Pedale ein, und los geht’s!
Schon nach wenigen Warm-up-Kilometern vorbei an „Heidis Filmziegen“ (steht zumindest an einem der urigen und windschiefen Stall), beginnt das alpine Abenteuer. Von weitem richtet sich mein Blick auf die zahllosen Serpentinen hinauf zum San Bernardino. Es sieht spektakulär aus, aber als die ersten Kurven geschafft sind und der Tacho noch bei 6 Komma irgendwas steht, mein Atem gleichmäßig und meine Beine im Flow sind, legt sich meine anfängliche Nervosität rasch. Jetzt nur noch im Rhythmus und konzentriert bleiben. Zum Glück ist es noch sehr ruhig, an diesem
Samstagmorgen, die Sonne noch gnädig und als die ersten Motorräder und Sportwagen mit Getöse an uns vorbeifahren, ist das meiste schon geschafft.

Nach unzähligen Pedalumdrehungen sind wir endlich an der Passhöhe auf 2065m, gegen 10 Uhr angekommen. Die Ausdauer hat sich gelohnt, eine herrliche Bergwelt breitet sich vor uns aus mit einer einzigartigen Blumenpracht, die man so nur in der höheren Bergregion findet.

Leider wird der Rummel stärker und wir machen uns bereit für die „rassige“ Abfahrt von fast 2000 Höhenmetern.
In Bernardino Dorf belohnen wir uns mit einem Cappuccino und einem Gipfeli!


Sind da die Temperaturen einigermaßen erträglich, ist es im Tal und besonders in Bellinzona nahezu unerträglich. Von jetzt an werden wir von laut zirpenden Zikaden begleitet.

Tag 4: Cadenazzo – Menággio, Varenna – Colico (97km, 1050m Aufstieg, 1080m Abfahrt)
Trotz abendlichem Bad im Pool und mehrmaliger Kaltdusche in Cadenazzo, sitzen wir nach einer eher wenig erträglichen Nacht bereits kurz nach 6 im Sattel und hinauf geht’s auf den Monte Ceneri von wo man auf den Lago Maggiore blickt.



Es folgt eine entspannte Fahrt durch nette kleinere Dörfer die uns mit Sonntagsgeläut empfangen. Nach ein paar kleinen Gegenanstiege liegt der herrlich blaue Lago di Lugano vor uns, gesäumt von Palmen, duftendem Oleander, teuren Villen, teuren Autos, das Klischee voll erfüllt.



Es gibt einiges zu sehen und so kommen wir zügig und fahrtwindgekühlt nach Menággio am Lago di Como. Die Schifffahrt nach Varenna ist leider viel zu kurz.

Die Fahrt entlang des Comer Sees nach Norden ist für Radfahrer nervig nicht ungefährlich. Die stark befahrene Straße windet sich entlang der Küste. Autos, Wohnmobile und Motorräder ziehen dicht an uns vorbei und verstopfen immer wieder die schmale schlängelnde Küstenstraße. Und wir sind froh, endlich in Colico der Anspannung zu entkommen. Wir finden ein klimatisiertes Bett und lassen den Abend bei einem erfrischenden Radler direkt am See ausklingen.
Tag 5: Colico – Tirano, Ospizio Bernina – Pontresina-Morteratsch (92km, 530m Aufstieg, 690m Abfahrt)


Frisch und gut erholt geht es direkt vor dem Haus auf den Radweg „Sentiero Valtellina“ von Colico nach Bormio. Ein wunderschön angelegter Radweg durch einige Naturschutzgebiete, mal durch Feld und Wiesen durchaus mit kleineren Anstiegen. Unterwegs liegt als Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Sondrio. Kleinere Umwege wegen Bauarbeiten und Murenabgängen müssen wir in Kauf nehmen. Leider fehlen aufbauende Cafés. Unser Etappenziel ist Tirano dort wartet die Rhätische Bahn auf uns, die uns zum Ospizio Bernina bringt.



Nach einer landschaftlich und eisenbahnmässig großartigen Fahrt erreichen wir bei durchaus sehr kühlen Temperaturen das Ospizio. Nun heißt es warm anziehen und nach flotter Fahrt freuen wir uns auf eine Dusche in Pontresina.


Tag 6: Pontresina-Morteratsch – Pfunds (95km, 680m Aufstieg, 1570m Abfahrt)
Kalte Nacht, blauer Himmel und direkter Blick auf die verschneiten Gipfel auf den Piz Palü. Der gigantische Blick und die herrliche Bergkulisse darf nicht über die enorme, durch die Klimaerwärmung veränderte Situation der Gletscher hinwegtäuschen. Wenn man die abschmelzenden Gletscher mit eigenen Augen sieht, muss das allergrößte Besorgnis hervorrufen.






Auf unbefestigten Radwegen und später auf der gut ausgebauten Straße radeln wir bergab Richtung Samedan, Zuoz, Cinuos-chel (ganz bezaubernd), Ardez (sehr lohnend) Bad Scuol um nur einige zu nennen, in Richtung Österreich. In Pfunds erfrischen wir uns im Badesee und schlagen unser Nachlager auf.
Tag 7: Pfund – Landeck, Langen – Feldkirch (85km, 450m Aufstieg, 1400m Abfahrt)
Die Temperaturen sind heute etwas angenehmer und so klicken wir uns wieder ein und erreichen nach Ried im Inntal und ein paar kurzen, giftigen Anstiegen, Landeck.
Der Railjet bringt uns nach Langen am Arlberg und von da abwärts nach Feldkirch. Feldkirch soll der fast krönende Abschluss unserer Alpenradtour werden und wir werden nicht enttäuscht. Die Stadt hat sich gemausert, sehr zu empfehlen, hübsche kleine Läden, tolle Restaurants und Bars locken mit leckerem Essen.

Tag 8: Feldkirch – Friedrichshafen (73km, 140m Aufstieg, 170m Abfahrt)
Der Tag ist noch jung, es verspricht wieder knackig warm zu werden und so heißt es Endspurt Richtung Bodensee und Oberschwaben. Der Kreis schließt sich!
Es ist immer wieder erstaunlich, wie weit man mit der eigenen Körperkraft in nur einer Woche kommt. Man ist beim Radfahren flott unterwegs, aber immer noch langsam genug, um die Schönheiten am Wegesrand zu entdecken.
Es war schön, schöner als gedacht und lässt mich ein wenig stolz zurück. Es waren durchaus Grenzerfahrungen, aber diese Grenzerfahrungen tun mir gut. Sie sind Nahrung für meine Seele.

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