Skitour Lapplandsleden

Das Gebiet zwischen dem nördlichen und südlichen Kungsleden ist in Mitteleuropa kaum bekannt. Seit Ende 2021 erschließt der Lapplandsleden das südliche Västerbottenfjäll. Mit einem Investitionsvolumen von rund 4,3 Millionen SEK wurden neue Routen markiert und mit bestehenden Routen verbunden. Von der südlichen Grenze der Provinz Västerbotten geht es über 190 Kilometer nach Norden bis zum Skiort Hemavan. 60 Prozent des Lapplandsleden verlaufen im baumlosen Kalfjäll, der Rest im meist schütteren Bergwald. Das Höhenprofil reicht von 450 Meter in Borgafjäll bis auf circa 1100 Meter im Arefjället. Damit verbunden sind sicherlich gewisse Anstrengungen, die jedoch mit dem Erlebnis einer phantastischen und  ursprünglichen Fjälllandschaft belohnt werden.

Von der Neugier getrieben, machen wir uns Ende Februar 2022 auf den Weg. 

Üblicherweise würden wir an dieser Stelle nicht über die Anreise aus dem südlichen Baden-Württemberg mit dem PKW nach Nordschweden berichten. Im Normalfall ist dies einfach zu gewöhnlich. Zuerst Corona: Wir überlegen, wie wir bei Inzidenzen von 1.500 bis 3.000 pro 100.000 Einwohner nach Nordschweden kommen. Geimpft und geboostert entscheiden wir uns ausnahmsweise für die Anreise mit dem PKW. 36 Stunden im Zug mit FFP2-Maske erscheinen uns genau so wenig erträglich, wie der hohe Infektionsdruck in diesen Verkehrsmitteln. Außerdem haben wir großes Gepäck dabei. Zwei Pulken mit Ausrüstung und Lebensmitteln für gut 10 Tage. Auf dem Lapplandsleden hat man schließlich kaum Einkaufsmöglichkeiten. Die ganze Gegend ist im Vergleich zu Jämtland einsamer und etwas „wilder“.

Anreise – nicht ohne Spannung

Orkan

Zwei Orkanstürme sind über der südlichen Ostsee angesagt. Der erste fegt über Land und See, als wir noch Zuhause sind. Der zweite Orkan soll schlimmer werden. Unsere nächtliche Fähre von Rostock nach Trelleborg wird storniert. Wir sind darüber nicht erstaunt und auch ein wenig froh, denn keiner von uns ist sonderlich seefest.  Wir planen um und entscheiden uns für eine frühere Abfahrt sowie die Route über die Vogelfluglinie. Damit haben wir zwar eine längere Autofahrt vor uns, jedoch nur kurze Fähren. 

Ab Hannover fängt es an zu regnen, der Wind wird stärker, schlechte Sicht. Die Fehmarnsundbrücke können wir noch ohne Probleme überqueren. Einige Stunden später blockieren zwei umgestürzte LKW die Brücke stundenlang. Auch die Überfahrt nach Rødby ist harmlos. In Dänemark nimmt der Wind zu, es wird merklich kälter. Rund um Kopenhagen setzt heftiger Schneefall ein und es bildet sich eine geschlossene Schneedecke auf der Straße. Damit haben wir an dieser Stelle nicht gerechnet. Vermutlich hat das Orkantief Kaltluft angesaugt und für den Schneefall gesorgt.

Am Fähranleger in Helsingør schlagen die Wellen über die Kaimauer. Dennoch fährt die Elektrofähre ruhig über den Öresund. Wir übernachten in Helsingborg. Morgens hören wir von den o.g. umgestürzten LKW, den Schäden in Deutschland und dem eingestellten Bahnverkehr in Norddeutschland. Glück gehabt! 

Nach Norden

Über leicht schneebedeckte Fahrbahnen fahren wir in Richtung Stockholm. Tempomat eingestellt, so lässt es sich entspannt auf Schwedens Autobahnen fahren. Es wird sonnig, die Straßen sind trocken. Es liegt kaum Schnee in der Landschaft bis Uppsala. Kurz vor Sundvall geht es über die 2014 eröffnete Sundsvallbro. Die moderne Brücke steht in deutlichem Kontrast zu den Landschaften, die wir zuvor durchquert haben. Bei Timrå ist es Zeit, nach Nordwesten abzubiegen. Die Straßen sind jetzt mit Schnee und Eis bedeckt, es wird dunkel. Kurz vor einer Ortschaft eine Schrecksekunde: 10 Rentiere stehen auf der Straße. Nur eine Vollbremsung kann einen Unfall verhindern. Mit entsprechender Vorsicht fahren wir weiter und erreichen gegen 22:30 Uhr den Campingplatz in Dorotea. Dort haben wir eine Hütte vorbestellt, auch das Auto können wir auf dem Platz abstellen.

Am Morgen sortieren wir das Gepäck. Zu gemütlicher Zeit geht um 10:20 Uhr der Bus entlang der E45 (Inlandsvägen) nach Storuman. Wir verbringen die Mittagspause in einer Pizzeria, bevor wir in zwei weiteren Stunden von einem Bus nach Hemavan gebracht werden.

Hemavan kennen wir von einer früheren Tour. Direkt an der Bushaltestelle steigen wir auf die Ski. Nach der langen Fahrt haben wir Bewegungsdrang.

Hemavan – Atostugan

Da es schon langsam dunkel wird, suchen wir nach einem geeigneten Zeltplatz. Der Winteranfang war hier oben schneearm, dafür hat es in den letzten Wochen heftig geschneit. Wir stehen vor der Wahl: Ruhiger Zeltplatz im Tiefschnee oder ein Platz auf einer alten Scooterspur. Wir entscheiden uns für die letztere Variante, um nicht ewig tief einzusinken. Nach der langen Fahrt sind wir ziemlich erledigt und verziehen uns bald in die Schlafsäcke.

Am nächsten Morgen sind wir früh auf. Nachdem wir gestern meist auf der Scooterspur gelaufen sind, zweigt direkt bei unserem Zeltplatz der Lapplandsleden ab. In einem großen Bogen gehen die Markierungen leicht ansteigend nach oben. Allerdings ist vor uns keine erkennbare Spur vorhanden. Wir versinken tief im weichen Schnee. Wir entscheiden uns daher, zunächst weiter dem Scooterweg zu folgen.

Wir schinden uns mehr oder weniger durch den Wald. Erst oben im Kalfjäll, in der Nähe des Seinesfjäll, werden der Schnee fester und unser Fortkommen besser.

Am Seinesjön treffen wir zwei Scooterfahrer. Sie präferieren den Scooterweg nach Joesjö und empfehlen uns, diesen Spuren zu folgen, da es auf dem eigentlichen Lapplandsleden bisher keine Spuren gäbe und das Vorankommen sehr schwer wäre. Wir nehmen die Empfehlung gerne an. Der Weg wird dadurch zwar nicht kürzer, jedoch wird er leichter zu gehen sein.

Eine Stunde später treffen wir zwei Skiwanderer. Ein schwedisches Paar unterwegs auf dem „Vita bandet“, eine Art Challenge für Wanderer und Skiwanderer im schwedischen Fjäll (Vitagronabandet), von Grövelsjön im Süden bis zum Dreiländereck Schweden-Finnland-Norwegen in Treriksröset. Diese Tour ist rund 1300 Kilometer lang. Die beiden müssen bereits früh aufgebrochen sein, normalerweise empfiehlt sich der Start für das Vita bandet erst ab dem 15. Februar in Grövelsjön. Die zwei sollten auf dieser Tour die einzigen Skiwanderer sein, die wir in neunTagen zu Gesicht bekommen!

Abends finden wir einen guten und aussichtsreichen Zeltplatz. Nach kalter Nacht erleben wir Prachtwetter. Vom Lillfjäll geht es hinunter zum Joesjö.

Unten am See ist es kalt, das Thermometer zeigt -28°C. Über eine gut markierte Spur geht es 7 Kilometer über den Joesjö an der gleichnamigen Ortschaft vorbei nach Boxfjäll. In Boxfjäll gibt es einen Campingplatz sowie ein kleines Lebensmittelgeschäft. Die Firma Tärna Vilt verkauft dort Wildspezialiäten. Leider finden wir – auch auf Nachfrage – keinen Raum, in dem wir die Mittagsrast verbringen können. 

Wir steigen weiter zur Atostugan. Die Atostugan ist keine Hütte im eigentlichen Sinn (wie man aufgrund des Namens vermuten könnte) sondern eine ehemalige samische Schule und heute ein Kulturdenkmal.

An dieser Stelle endet der erste Abschnitt unserer Tour. Theoretisch kann man von hier aus per Mitfahrgelegenheit in Richtung Tärnaby kommen.

Wir gehen jedoch weiter auf unserer Route.

Atostugan – Gränssjö

Direkt nach der Atostugan geht es zunächst gemächlich im Talgrund weiter, bevor die Spur im Wald steil nach oben führt. Mühsam geht es wieder durch den tiefen Schnee. Mit Blick auf den für die Samen heiligen Berg Atoklimpen finden wir einen geeigneten Zeltplatz. Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sturm. Nach anfänglichem Zögern packen wir zusammen und machen uns auf den Weg. Vor allem auf der dem Wind abgewandten Seite ist der Schnee tief und schwer. Erst am frühen Nachmittag erreichen wir die Daevna-Schutzhütte. Sie wurde mit der Erstellung des Lapplandsleden neu erbaut und steht an der richtigen Stelle. Bei Schlechtwetter findet man eine optimale Rast- und Schutzmöglichkeit.

Nach ausgiebiger Rast ziehen wir weiter zur Atostugan. Tiefer Schnee, Sturm, viele Gegenanstiege und die schwere Pulka fordern ihren Tribut. Wir erreichen die Atostugan erst gegen 21:00 Uhr. In der Dunkelheit sind die Reflexbänder an den Markierungsstangen äußerst hilfreich. Da es die einzigen reflektierenden Elemente der Umgebung sind, können wir uns im Schein der Stirnlampen gut orientieren. Gleichwohl müssen wir bei Schneefall und Dunkelheit vorsichtig abfahren.

Wir übernachten in dieser Hütte, um nach drei Zeltnächten unsere Daunenschlafsäcke wieder einmal trocknen zu können.

Am nächsten Tag bleibt uns der Sturm erhalten. Wir queren von West nach Ost den See Arevattnet. Vom Ostende des Sees geht es hinauf auf 1000 Meter über dem Meer, im Winter der höchste Punkt des Lapplandsledens. Der Sturm bläst weiter mit unverminderter Stärke. Langsam steigen wir zum höchsten Punkt auf. In den kurzen Pausen mit geringer Schneedrift können wir die Aussicht erahnen. Zur Mittagspause graben wir uns ein und ziehen den Windsack über uns.

Bei der Abfahrt lässt der Sturm langsam nach. Abends erreichen wir den kleinen Weiler Gränssjö. Auf dem ebenso kleinen Campingplatz mieten wir eine einfach Hütte. Wir haben Gelegenheit, die Akkus von Handy & Co wieder aufzuladen und zu duschen. 

Gränssjö – Klimpfjäll

Nach einer ausgiebigen Dusche und ruhiger Nacht  auf dem Campingplatz Gränssjö kommen wir erst gegen 09:00 Uhr los. Wir entscheiden uns für den „offiziellen Weg“, das heißt wir gehen etwa einen Kilometer auf der Straße in östliche Richtung, bevor wir im spitzen Winkel auf den Skiweg nach Vardofjäll abbiegen. Vielleicht wäre die Alternative über den zugefrorenen See etwas weniger anstrengend gewesen, da die Eisflächen leichter zu begehen sind und die Strecke kürzer ist.

Wir stapfen leicht ansteigend durch den Wald. Der Schnee ist immer noch sehr tief und wir finden kaum Halt. Der fantastische Bergwald und die strahlende Sonne entschädigen uns aber für die Mühen.

Nach der Mittagspause wird es deutlich windiger. Der Himmel zieht zu und die für das Fjäll typische Schneedrift setzt ein. Wir holen den Anorak und die winddichten Handschuhe raus, ziehen die Sturmhaube auf und erleben spannende Lichtmomente.

Am späten Nachmittag blicken wir über den See Gottern.

Unten angekommen, gelangen wir zu einer häufiger befahrenen Scooterspur. Offensichtlich ist dies der Zugang zu dem einsamen Gehöft Vardofjäll (gleichnamig mit dem dortigen Fjäll). Inzwischen ist es dunkel geworden. Am Zaun des Hofes schlagen wir unser Zelt auf. Ein Hund bellt gelegentlich. Nach einiger Zeit kommt ein Scooter. Wir haben gewisse Bedenken, ob wir nicht zu nah am Hof zelten und der Besitzer damit nicht einverstanden ist. Das Gegenteil sollte passieren: der Besitzer des Hofes, Ronny Svarto, fragt uns nur, ob bei uns alles ok sei und ob wir genug zu essen und trinken hätten.

Später haben wir mit Ronny Kontakt aufgenommen. Mit seiner Frau Ingrid betreibt er seit 1978 diesen Hof, 15 Kilometer von der nächsten Straße und 55 Kilometer vom nächsten Lebensmittelgeschäft entfernt. Der Hof ist wohl einer der einsamsten in Schweden. Ab Sommer 2022 wollen die beiden auch eine einfache Unterkunft für Wanderer und Skifahrer anbieten.

Am nächsten Morgen geht es weiter zur Åtnikstugan. Unsere Route führt durch den Wald. Auf der Karte sieht der Weg flach aus, in der Realität gibt es allerdings ein laufendes Auf und Ab im tiefen Schnee. Letztendlich benötigen wir für die 8 Kilometer vom Vardofjäll bis zur Åtnikstugan 4 Stunden. Entschädigt werden wir durch regen „Schneehuhnverkehr“ und gelegentlichen Anblick von Schneehasen.

Die Åtnikstugan wurde bereits in den 1930er Jahren erbaut und ist mit 8 Schlafplätzen eine der „größeren“ Hütten am Lapplandsleden. Auch hier ist man auf Selbstversorgung angewiesen.

Wir nutzen die Åtnikstugan zur Mittagsrast und machen uns anschließend auf den Weiterweg nach Remdalen bzw. in Richtung Tjakkelestugorna. Die Spur führt nach Westen in Richtung norwegischer Grenze. Auf schwedischer Seite ist die Skispur gut markiert,  in Norwegen geht man meist davon aus, dass der Skiwanderer den Weg selbst findet.

Dies kümmert uns nicht weiter, da wir auf auf schwedischer Seite bleiben.

Aufstie2

Abends wird wie immer in der Apsis gekocht. Wichtig ist, dass der Kocher auch im Schnee sicher steht und genügend Abstand zu den Zeltwänden hat. Mit der Schaufel wird ständig Schnee nachgefüllt. Ein Topf voll Schnee ergibt geschmolzen maximal 1/3 der Füllmenge an Wasser. Das Schneeschmelzen ist immer ein energie- und zeitaufwändiges Unterfangen.

Am nächsten Tag stöbert ein Elch durch die Gegend. Leider sehen wir nur die frischen Spuren. Später im Kalfjäll ist der Schnee sehr hart und verblasen, so dass wir die Spur nur schwer halten können.

Entsprechend ruppig ist die Abfahrt ins Remdalen. Manchmal versucht die Pulka uns zu überholen, Stürze sind vorprogrammiert. Das Remdalen ist sehr weitläufig. Durch das Remdalen führt der Norfararleden (übersetzt: Nowegenfahrerweg) ein alter Weg von Umeå am Bottnischen Meerbusen nach Mo i Rana an der norwegischen Küste.

Der Weg durch das Remdalen zieht sich, ist aber leicht zu laufen.

Kurz vor den Tjakkelestugorna müssen wir noch einen Fluss überqueren. Steil geht es hinunter auf die Brücke und auf der anderen Seite genauso steil über die Wächte nach oben. Wir umgehen die Wächte auf der linken Seite

Von den Tjåkkelestugorna sind es noch 17 Kilometer nach Klimpfjäll. Fast den ganzen Tag begleitet uns der mächtige Gipfel des Durrenpiken. Knapp unterhalb der Steilwand geht es durch das Trogtal Durrenskalet. Das schöne Wetter darf nicht darüber hinweg täuschen, dass der Wind hier sehr kräftig durch das Tal fegen kann.

Die „alte“ Schutzhütte im Durrenskalet. Im Frühjahr 2022 wurde die Hütte um ca. 1 km nach Süden versetzt.

Kurz vor Klimpfjäll haben wir nochmals einen super Blick auf den Durrenpiken. In Klimpfjäll werden wir die Tour beenden müssen, da uns die Zeit für die weiteren 40 Kilometer nach Borgafjäll fehlt.

Frühmorgens nehmen wir daher den Bus nach Vilhemina mit Weiterfahrt nach Dorotea. Über den Inlandsvägen (E45) nehmen wir diesmal die Fähre von Göteborg.

Für alle, die Lust bekommen haben, diese Tour zu erleben, gibt es den Skitourenführer Lapplandsleden.

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2 Antworten

  1. Avatar von Eva von Melle
    Eva von Melle

    Hallo Herr Schulte,
    ein herzliches Dankeschön für Ihre Tourenbeschreibung und für den Skitourenführer Lapplandsleden. Im März 2023 habe ich diese Tour alleine gemacht – ich hatte sehr gute Bedingungen und perfektes Wetter. So konnte die gesamte Strecke von Hemavan bis Borgafjäll laufen. Streckenweise einsam und unglaublich schön. Und durchaus herausfordernd, denn ich musste auch einige Tage spuren….
    Grüße, Eva von Melle

    1. Danke für den Kommentar. Vom Lapplandsleden hört im Sommer wie im Winter nur sehr wenig. Zu unrecht wie ich meine.

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